Eine blaue Brücke zu August Macke und Franz Marc
Auf der Suche nach der inneren Wurzel der Phantasie und seiner künstlerischen Kraft

Von Professor Dr. Detlef H. Mache

Ein Besuch in Norddinker zum „Baum der Früchte“ mit gemeinsamen Innenansichten
In diesem Moment wird mir klar, warum ich das Bild von Otmar Alt nicht erklären will. Es ist mein Geheimnis. Und der, der es betrachtet, entdeckt ein anderes, sein Geheimnis heraus - es kommt von innen, und das Innere entwickelt Phantasien, die sich ungestört entfalten – aber diese Phantasien sind mit einem Zauber behaftet, der sich ausbreiten kann!
Seine künstlerische Welt, seine Tiere und seine gemalten Geschichten sehen ganz anders aus als die in den Bildern von Franz Marc, August Macke und den anderen deutschen und europäischen Künstlern, die vor etwa einem Jahrhundert als Künstlergruppe „Der blaue Reiter“ zusammen mit Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Paul Klee durch ihre Malerei die Kunstwelt im „Galopp“ eroberten.
Jedoch auf den zweiten Blick sind im Farbenrausch der Bilder von Otmar Alt sehr enge Parallelen zu entdecken – die Farbenkombinationen in Blau, Rot, Gelb, Grün und deren Nuancen drücken seine innersten Gedanken seine Gefühle und seine künstlerischen Träume aus.
Mehr noch können wir hier entdecken: Denn mit jeder Kommunikation zwischen dem Künstler Otmar Alt, der das Bild entstehen lässt und dem Betrachter, der in das Bild und in seine geheimnisvolle Welt eintauchen möchte, entdeckt man seine Leidenschaft, seine Sinnlichkeit – seine innere Phantasie und Philosophie – eine ursprüngliche Intention, die auch von den „Blauen Reiter“ Künstlern ausgegangen ist. Paul Klee drückte es in einem Satz treffend aus – „Kunst gibt nicht Sichtbares wieder, sondern macht sichtbar“ – es wird die dargestellte Realität und Wirklichkeit nicht mehr im Kunstwerk wieder-gegeben, sondern für jeden Betrachter, der es zulässt, von innen her „sichtbar“ gemacht.
Seit dem Frühjahr 2000 beschäftigt sich Otmar Alt sehr intensiv mit der traditionellen klassischen Moderne, also mit Werken von Paul Klee, August Macke und Franz Marc, um nur einige zu nennen. Hierbei bearbeitet und interpretiert er bekannte klassische Meisterwerke der Moderne auf seine unvergleichliche Art – Bilder von Otmar Alt – unverwechselbar – zu einem umfangreichen Bilderzyklus – seinen „Innenansichten der Moderne“.
Die Künstler Franz Marc, Paul Klee und August Macke verfolgten in ihren Bildern auf ihre Weise die künstlerische Intention, ihre eigenen subjektiven Reaktionen und Empfindungen auf die Wirklichkeit darzustellen – ihre Geheimnisse, ihre tief im Inneren liegenden Emotionen und Phantasien „sichtbar“ zu machen. Die Themengabe eines Bildes, die Linienführung, die gewählte Maltechnik und das Format hatten sich dabei diesem Ziel des „Sichtbarmachens“ unterzuordnen.
Gerade hierin liegt nun die enge künstlerische Verbundenheit und expressionistische Sichtweise, die Otmar Alt in seinen Arbeiten in den unterschiedlichsten puzzleartigen Facetten beschreibt und somit seine künstlerische Ausdruckskraft in eine neue Form der modernen expressionistischen Malerei mit eigenen künstlerischen Geheimnissen und Phantasien erstellt.

Meine erste Begegnung mit der Gelbhaubenmaus von Otmar Alt

Es ist ein herrlicher Februar-Abend im westfälischen Norddinker. Otmar Alt hat mich zu sich in sein Atelier eingeladen, in einer wunderschön umgebauten Landschmiede eines ehemaligen bäuerlichen Anwesens aus dem 17. Jahrhundert umgeben von einer großzügigen Parkanlage, um sich mit mir die Zeit zu nehmen, einige Gedanken über sein neues Projekt „Innenansichten der Moderne“ auszutauschen. Es sollte für mich eine spannende und faszinierende Begegnung mit einem tiefgründigen Einblick in seine Innenansichten der Moderne werden.
Wir saßen nun bei einer Tasse Kaffee gemütlich in seinem Atelier – umgeben von bearbeiteten und zum Teil noch nicht fertig gestellten Bildern, Skizzen, Farbtöpfen, Objekten und persönlichen Erinnerungsstücken an den Wänden. Auf einem Seitenschrank stehen Glas- und Keramikobjekte und zwei kleine Bronzeplastiken. Dazwischen entdecke ich neben Pinseln, Glasbehältern und Kunstbüchern ein Pfeifenset mit einer schon fertiggestopften Pfeife von Otmar – es riecht nicht nach Tabakrauch, sondern eher nach Farbe und es ist eine besondere Atmosphäre in diesem Raum zu spüren.
Wir waren schon mitten in unseren Innenansichten – „Mein Professor, wie findest Du dieses Bild? Ich habe hierbei beispielsweise einen klassischen deutschen Künstler wie Franz Marc ausgewählt“ – während er aus einem Schrank hinter meinem Stuhl dieses Bild herauszog. Er stellte es vor uns an die Wand gelehnt auf – und ich war gleich durch die Ausstrahlung der Farben geheimnisvoll verzaubert. Ich glaube, man konnte in diesem Moment die Begeisterung in meinen Augen sehen – denn ich sah ein leuchtendes Rot, ein Grün, ein Gelb zentral in der Mitte und im unteren Rand ein auffälliges Blau, welches das Bild dominierte.

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Gelbhaubenmaus, 2002
Gelbhaubenmaus, 2002
Zusammen betrachteten wir – nun beide nebeneinander sitzend - für einen Augenblick sprachlos dieses Bild, welches er mit Acrylfarben auf Karton gemalt hatte. Dann erläuterte er mir, dass es sich hierbei um seine künstlerische Bearbeitung eines kauernden Tigers von Franz Marc („Der Tiger“, 1912) handelt, womit er ein typisches Motiv von Marc herausgegriffen hat. Bekanntlich war Franz Marc einer der bedeutenden deutschen expressionistischen Künstler, der auch in seiner besonderen Eigenwilligkeit und in seiner Besessenheit insbesondere naturbezogene Ereignisse und Tiermotive sehr klar mit seiner seelischen Grundeinstellung zum Ausdruck gebracht hat.
Dieser besonderen künstlerischen Tradition folgend, ist auch der Otmar Alt „ein Tiermaler wie Franz Marc, doch anders als bei jenem ist die Hinwendung zur Natur bei ihm keine Abwendung vom Menschen; der Mensch ist immer – auch in den vielfältigen Metamorphosen – bevorzugtes Sujet seiner Kunst und zugleich Adressat seiner Werke. Wie die deutschen Expressionisten im ersten Drittel unseres Jahrhunderts, lässt Alt sich ein auf die Suche nach Ursprünglichem, Unverbildetem, Natürlichem.“ (aus: Otmar Alt, Textbeitrag: Carl-Heinz Heuer „Schwingungen der Seele …“ Edition Braus, Heidelberg, 1994).
Für beide Künstler verkörpert das symbolisierte Tier die persönliche Erdverbundenheit mit zum Teil menschlichen Zügen, wobei auf detaillierte naturalistische Darstellungsweisen bewusst verzichtet wird, aber immer wieder symbolische und auch menschliche Charakterzüge deutlich zu erkennen sind.
In der Mitte des Bildes entdecke ich ein strahlendes Gelb – ein Gelb, das die Freude an Licht und Wärme vermittelt. Otmar Alt sieht die strahlende gelbe Kraft mit seinen Augen, was sich auch dadurch ausdrückt, dass der „Tiger“ von Franz Marc nun bei ihm zur „Gelbhaubenmaus“ (Acryl 2002) wird.
„Ich kopiere die Bilder nicht einfach, sondern adaptiere lediglich einige Bereiche von ihnen.“
Diese künstlerische Vorgehensweise findet man auch bei Franz Marc, der es als einen malerischen Lernprozess bezeichnet: „Charakteristisch für die Künstler der Vereinigung war ihre starke Betonung des Programms; einer lernte vom andern; es war ein gemeinsamer Wetteifer, wer die Ideen am besten begriffen hatte“ (Franz Marc zitiert aus: Die "Wilden" in Deutschland. In: Der Blaue Reiter. Hg. von Wassily Kandinsky und Franz Marc. Dokumentarische Neuausgabe von Klaus Lankheit. München, Zürich 1948, S. 28-32).
Diesen Lern- und Erfahrungsprozess verbindet Otmar Alt nun mit seiner künstlerischen Vielfalt und Phantasie:
„Dabei ist es mir wichtig, dass persönliche Strukturen erhalten bleiben, andere Bereiche übertrage ich in meine Farb- und Formensprache. Am Anfang bin ich ganz spielerisch an die Sache herangegangen und habe zunächst Postkarten und Kalenderbilder übermalt, später bin ich dazu übergegangen neue Variationen in Form und Farbe hineinzugeben.“
Mit der uns nun hier vorliegenden „Gelbhaubenmaus“ hat er seine künstlerische Begegnung mit Franz Marc treffend gesucht: zwei deutsche Künstler in ihrer jeweiligen Zeit mit ihrer eigenen künstlerischen Ausdruckskraft.
Auf der einen Seite zählen beide Künstler in der europäischen Malerei zu den herausragenden Künstlern ihrer jeweiligen Epoche, deren Kunstverständnis sich auf der Grundlage einer westeuropäischen Tradition stützt. Auf der anderen Seite gehören sie natürlich völlig unterschiedlichen kunsthistorischen Einbettungen an. Aber gerade dieses Spannungsfeld macht die Betrachtung der beiden Künstler mit ihren Ausdruckformen in ihren Bildern für mich so interessant und spannend.
Ein Bindeglied bei diesem Dialog bezeichnet Otmar Alt selber mit
„seiner Liebe zur deutschen und europäischen Malerei“
und brachte mir seine persönliche Ansicht über die historische Einordnung und Differenzierung einerseits und die enge Verwandtschaft und Liebe zu der künstlerischen Tradition andererseits eingehend zum Ausdruck.
„Nicht andauernd nach vorne schauen, sondern traditionsbewusst damit umgehen und handeln – Detlef, mein Freund – was sind schon hundert Jahre? In der Kunstgeschichte ist ein Jahrhundert ein kurzer Pups“.

Kraft und Energie mit den Farben des „inneren Auges“
Schaut man sich das Bild der „Gelbhaubenmaus“ noch genauer an, dann ist der klare wache Blick dieses kleinen kecken gelben Tieres in der Mitte des Bildes vergleichbar mit dem munteren Blick eines Chinchillas. Die großen Augen und seine Ohren täuschen schnell darüber hinweg, dass dieser kleine „Chin“ zwar auf der einen Seite sehr sensibel ist, aber andererseits eine enorme innere Kraft und Ausstrahlung zu besitzen scheint. Man verspürt einen geheimnisvollen Hauch poetischer Bildersprache, die durch die Augen des Tieres eingefangen werden. Wie bei allen nachtschwärmerischen Tieren sind seine Augen im Verhältnis zu seinem Körper sehr groß. So können sie mit den Augen nicht nur nach vorn, sondern auch nach hinten und nach oben die Welt wahrnehmen.
Dieser Blick der „Gelbhaubenmaus“ ist sehr zentral – er ist mittig im Bild angeordnet. Da der Blick der Augen eines Chins sich nicht überschneiden kann, ist jedes Auge von zentraler Bedeutung für die Wahrnehmung seiner Umgebung. Dies bedeutet, dass Chins bei ihren oft waghalsig aussehenden Sprüngen auf ihre Erfahrung angewiesen sind, da sie Entfernungen mit den Augen nur schlecht einschätzen können. Das Auge ist Mittelpunkt des Geschehens – sozusagen ein „inneres Auge“ – mit dem die Umgebung nicht mehr wirklich zu erkennen ist.
Aber mit unserer Phantasie – der Phantasie des Betrachters dieses Bildes - wird durch die kraftvollen Farben und die kantigen aber auch runden Formen eine vielfältige Naturlandschaft um das Tier sichtbar – man kann bunte rauschende Wiesen und Felder entdecken. Otmar Alt gibt - so wie Franz Marc - in diesem Bild nicht die reale Wirklichkeit wieder, sondern legt seine Empfindungen hinein. Farben und Formen dieser Naturlandschaft dienen ihm zum Ausdruck seiner Vorstellungen in der Phantasiewelt des kleinen Tieres.
Im Vordergrund zentral sitzend die Gelbhaubenmaus „Chin“, die scheinbar nachdenklich in Richtung der grünen saftigen Wiesenebene schaut, umgeben von der Landschaft mit rötlichen Bergen und mit den Ausläufern eines kleinen Sees hinter sich.
Es ist ruhig – eine blaue besinnliche und geduldige Ruhe. Doch man spürt die Kraft und Energie des Tieres, das noch auf einem blauen Felsen sitzt - abwartend und interessiert schauend – jedoch im nächsten Moment springt es auf und … .
Vor uns liegen eine Reihe von Pinseln, Bleistifte und eine kleine Dose Lakritzbonbons, aus der wir uns bedienen. Auch andere Gegenstände entdecke ich – beispielsweise liegen eine Schablone mit kleinen symmetrisch angeordneten Kreisen und eine hölzerne Spitze eines Pinsels vor mir auf dem Tisch. Wie Otmar mir erklärt, ritzt er hiermit seine gewundenen Kratzspuren in die Farbe ein, die auf der rechten Seite des Bildes neben der dominierenden blauen Fläche der Gelbhaubenmaus intensiv zu erkennen sind. Diese feinen verschlungenen Kratzspuren bringen die roten und blauen Farbflächen unter der weiß überzogenen Farbdecke hervor. Durch den mehrfachen dünnen Farbauftrag in den verschiedenen Farbfeldern des Bildes tauchen vorhergehende Farbkompositionen hervor, die eine besondere Dynamik und Bewegung in die Abbildung bringen.
Neben diesem charakteristischen Merkmal sind es auch die sehr eng gesetzten kleinen Farbpunkte – in Rot, Blau, Violett, Rosa, Grün, Gelb - die an ein leuchtendes Lichtermeer eines Lampionfestes vor einer romantischen Abendkulisse erinnern.

Diese charakteristische Farbigkeit, die intensive Verwendung leuchtender Farbtupfer und der starke Abstraktionsgrad in diesem Bild stimmen mit dem Interesse an spielerischen Lichteffekten der expressionistischen Künstler des vergangenen Jahrhunderts überein.
Aber auch in der bunten Perlenkette, die das Tier um den Körper hängen hat, ist eine übereinstimmende Beschäftigung und intensive Auseinandersetzung mit symbolischen Farbeffekten zu erkennen, die mich an ein Schreiben erinnert, das der Künstler Franz Marc 1910 an seinen Freund August Macke schrieb:
„Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig.
Gelb das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich.“
Hier sehe ich wieder die Parallelen zu der kleinen Gelbhaubenmaus auf unserem Bild.
„Rot die Materie, brutal und schwer und stets die Farbe, die von den anderen beiden bekämpft und überwunden werden muss!
Mischst Du z.b. das ernste geistige Blau mit Rot, dann steigerst Du das Blau bis zur unerträglichen Trauer, und das versöhnliche Gelb, die Komplementärfarbe zu Violett, wird unerlässlich.
Mischst Du Rot und Gelb zu Orange, so gibst Du dem passiven und weiblichen Gelb eine megärenhafte, sinnliche Gewalt, dass das kühle, geistige Blau wiederum unerlässlich wird, der Mann, und zwar stellt sich das Blau sofort und automatisch neben Orange, die Farben lieben sich.
Blau und Orange, ein durchaus festlicher Klang. Mischst Du nun aber Blau und Gelb zu Grün, so weckst Du Rot, die Materie, die Erde, zum Leben, aber hier fühle ich als Maler immer einen Unterschied: Mit Grün bringst Du das ewig materielle, brutale Rot nie ganz zur Ruhe, wie bei den vorigen Farbklängen. Stelle Dir nur z.b. kunstgewerbliche Gegenstände vor, Grün und Rot! Dem Grün müssen stets noch Blau (der Himmel) und Gelb (die Sonne) zu Hilfe kommen, um die Materie zum Schweigen zu bringen.
Und dann noch etwas … Blau und Gelb sind nicht gleichweit von Rot entfernt. Ich werde trotz aller Spektralanalysen den Malerglauben nicht los, dass Gelb (das Weib!) der Erde Rot näher steht, als Blau, das männliche Prinzip“.
Otmar Alt hat in seiner Begegnung mit Franz Marc einen Weg gesucht und dabei Anregungen erhalten, die in diesem Bild der „Gelbhaubenmaus“ eine unmittelbare Sprache von fühlbaren Elementen, von geistigen Landschaften widerspiegelt und damit schließlich auf seine Art in der zweidimensionalen Welt unsere inneren Phantasien geweckt.
Ein Zeitgenosse von Franz Marc, der russische Schriftsteller Leo Tolstoi, sagte:
„Kunst ist das Mikroskop, das der Künstler auf die Geheimnisse seiner Seele einstellt, um diese allen Menschen gemeinsamen Geheimnisse allen zu zeigen.“
In jenem Augenblick wird mir wieder klar, warum ich das Bild von Otmar Alt nicht erklären will. Es ist mein Geheimnis und es bleibt weiter gewahrt. Und jeder, der es betrachtet, sieht ein anderes, sein Geheimnis darin.
„Über Bilder lässt sich nichts sagen, man liebt sie oder verabscheut sie, aber mit Worten lassen sie sich nicht erklären.“ (Pablo Picasso)
Es wurde noch sehr spät an diesem Abend und wir beide haben bei einem Glas französischen Rotwein „Chateau La Baronne“ nicht bemerkt, wie uns die Zeit davonrannte. Wir nahmen uns vor, am nächsten Morgen nach dem Frühstück sofort die letzten Gedanken wieder aufzunehmen.
Ich legte mich nicht weit vom Atelier ins Bett – müde – aber ich schaffte das Einschlafen noch nicht sofort. Ich war von den Eindrücken ganz aufgewühlt, und die gemeinsamen Gespräche und Innenansichten tanzten vor meinen Augen. Ich erinnerte mich an die Momente, bei denen wir von Farb- und Formgebung des Bildes sprachen, vom Bildaufbau und einzelnen Motiven inspiriert wurden. Ich versuchte die gemeinsamen Innenansichten zu ordnen und wollte mich auf unsere nächste Begegnung vorbereiten - es war eine Herausforderung, die für die innere Phantasie bestimmt war.

Ein Spaziergang am Morgen im Schnee durch Otmars Park
Der kommende Morgen begann mit einer Überraschung. Ich kletterte aus meiner „Kajüte“ des Ateliers heraus und sah vor meinem Fenster eine weiße Winterlandschaft – unbemerkt hatte es über Nacht geschneit. Übrigens war diese Kajüte, in der ich mich die Nacht über sehr gemütlich eingerichtet hatte, direkt über dem Holzofen der Atelierräume.
Ohne viel Zeit zu verlieren, kletterte ich die enge Treppe hinunter, wo der Holzofen noch eine heimisch fühlende warme Atmosphäre ausstrahlte. Durch die Fenster sah ich den schneebedeckten Park. Ich machte mich auf den Weg zum Frühstück, wo beide - Gundi und Otmar - schon alles vorbereitet hatten und auf mich warteten.
Es war ein gelungener Tagesbeginn.
Nach dem gemütlichen Frühstück mit unseren gemeinsamen Erinnerungen an den gestrigen Abend und deren Gedanken, begaben wir uns wieder in Richtung von Otmars Atelier – dem Reich seiner künstlerischen Gedanken und deren phantasievollen Umsetzungen, die gerade hier in den außergewöhnlichen Kunstwerken, Glasfenstern und Objekten seiner Wohnung sehr gut zum Ausdruck kommen.
Während wir uns nun auf den direkten Weg durch den Schnee in das anliegende Gebäude machen, sprach ich zu ihm: „Otmar, ich möchte Dir etwas vorschlagen. Lass’ uns diese Morgensonne und Deinen Park mit den mit Schnee behangenen Bäumen genießen.“ „Ja, das ist ein sehr guter Vorschlag“ erwiderte er, als wenn er darauf gewartet hätte. Wir packten uns einen Schneeschieber und einen Besen und gruben uns einen schmalen Pfad entlang des Hauses und des Ateliers zu einer kleinen Menagerie, die er sich neben der ehemaligen Landschmiede seines Anwesens als Maison für seine Tiere liebevoll errichtet hat. In der Ferne konnte man in der Sonne die schnee-überdeckten Wiesen mit der Brücke über den Teich zu den Kugelakazienbäumen erkennen. Es war eine besonders schöne Stimmung – dieser Morgen im Februar in der Winterlandschaft.

Handeln kommt von Innen, und das Innere entwickelt Phantasien
Wir unterhielten uns über verschiedene Dinge und mir fielen in diesem Moment meine Frankfurter Erlebnisse und Gespräche mit dem Künstler Friedensreich Hundertwasser ein, die ich während meiner Studienzeit zusammen mit ihm beim Aufbau einer Ausstellung für seine Architekturmodelle gemacht hatte.
„Otmar, die Natur in diesem Park gibt eine weise und innere Führung vor. Jeder von uns beiden – jeder Mensch – besitzt im Grunde eine innere Kraft, durch die er sich selbst erzieht und bildet. Otmar, in vielen Vernissage-Ausführungen durch Kunsthistoriker und Galeristen, in Kunsteinleitungen von Museumsdirektoren und in zahlreichen Kunstbüchern wurde schon über Dich und Deine Arbeiten berichtet. Es wurden bedeutende kunsthistorische Einordnungen und Betrachtungen verfasst, um jeweils zum Ausdruck zu bringen, wie die kunstwissenschaftliche Bedeutung in Deiner Arbeit und in Deinem Werk zu sehen ist. Bitte lass uns das „Bild“ von dieser herrlichen Winterlandschaft „mitnehmen“ und uns von allen Gedanken freimachen – ich bin jetzt kein Hochschullehrer, der eine mathematische Aussage oder Idee nachweisen will – ich möchte ein paar gemeinsame „Schritte“ mit Dir gehen – lass uns abschalten und vergessen - lass uns diesen Park, die Bäume im Schnee, die Lamas, Nandus und die Eulen in diesem Gehege dort hinter der Hütte mitnehmen, lass uns ins Innere gehen und lassen wir alles Andere draußen.“
Das Geistreiche und Intellektuelle in unseren Gedanken passt nur bedingt zum Schöpferischen und Kreativen – zu dem was wir im „Inneren“ fühlen. Eine solche mögliche Verstrickung kann den Wesenszug der menschlichen Natur beeinflussen. Kennzeichnend ist auch in diesem Zusammenhang, dass selbst das Wort „Techne“, von dem unser Begriff Technik herrührt, seinen Ursprung im antiken Griechenland hat, wo es die kreative „Kunst“ in weitem Sinne bezeichnete – also alles, was mit den Händen des Menschen als „zweite Natur“ geschaffen worden ist.
„Handeln kommt von innen, und das Innere entwickelt Phantasien – Phantasien hat ein kreativer Mensch, sie fallen wie Schneeflocken vom Himmel und niemand stellt Fragen. Denn niemand kann den Schneeflocken verbieten zu fallen. So sollte das Leben sein.“ Während ich ihm das sagte, saßen wir wieder in seinem Atelier. Wir tauschten noch eine Weile unsere Erfahrungen aus den Bereichen der Kultur, Erziehung und Bildung miteinander aus.
„Otmar, wir kommen gerade aus Deinem Park und nun schaue ich mir hier ein Bild von Dir mit dem Titel „Baum der Früchte“ an, welches Du in Anlehnung an die Arbeit von August Macke „Auf dem Friedhof in Thun“ (1914) gemalt hast.“
„Ja, mein Freund, übrigens besuche ich gerne Friedhöfe, sie sind in einer gewissen Art von Schönheit und zeigen einem, wo der Weg hingeht. – Abschied nehmen ist eine Situation von Kommen und Gehen.“

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Baum der Früchte, 2002
Baum der Früchte, 2002
Während er dies sagt, malt er eine skizzenartige Zeichnung auf ein schon beschriebenes Blatt vor sich auf. Ich blicke wieder auf dieses Bild vor uns, welches mich an unseren gemeinsamen morgendlichen Spaziergang erinnert. Von diesem Moment ist wieder eine besondere Atmosphäre im Raum zu spüren.
„Detlef, es geht heute alles so wahnsinnig schnell. Für mich ist es wichtig, in dieser hektischen Zeit, in der wir leben und arbeiten, Freiräume und Zeit zu haben.“ In diesem Augenblick bemerke ich, wie er sich in nachdenklicher Weise in sein Bild versetzt. „Meine erste Begegnung mit Arbeiten von August Macke hatte ich schon im Schulunterricht“; und er erzählt mir eine Reihe von persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen aus seiner Schul- und Studienzeit in Mark Brandenburg (Fläming) und Berlin. „Baum der Früchte“ (Acryl, 2002)
Nach einer gewissen Zeit der erzählten Erinnerungen – die für mich eine andere Perspektive auf den Künstler warfen – stand er von seinem Stuhl auf und deutete auf die Mitte seines Bildes „Baum der Früchte“ und sagte mir: „Es ist schön, zu verweilen – lass uns gemeinsam dieses Bild aufräumen. Lass uns die Zeit nehmen und wir gehen gemeinsam hindurch – wir durchwandern es zusammen.“
In dem Bild gibt es viel zu sehen: in der Mitte steht ein Baum mit bunten Blüten und Früchten an den Ästen, da-zwischen entdeckt man noch etwas Schnee, der von den ersten Blumen verdrängt wird. Ich habe den Eindruck, dass dieses Bild mich wieder in unseren gerade erlebten Spaziergang durch den Park versetzt.


Im Park der Phantasien
Dieses Durchwandern in dem Bild – stehen bleiben und für einen kurzen Augenblick verweilen und neue Strukturen entdecken – ist nun ein besonderer „Spaziergang“. Ein Durch-wandern, um zusammen mit Otmar Alt die verschlüsselten und naturhaften Strukturen des Bildes zu erkunden. Wir gehen weiter hindurch – zuerst fallen die vierblätterigen Blumen auf, bunte Farbflecken – weiter dort gibt es Konstruiertes, „Florales und Vegetatives“ zu sehen. Wenn wir weiter mit den Augen auf und ab wandern, stehen wir mitten in einem rauschenden bunten Park, in dem wir hinter einem Baum ein kleines Haus, mit einer roten Tür, einem Fenster, wo noch Licht brennt und uns scheinbar jemand erwartet. Die leuchtenden Farbflächen versprühen Lebensfreude und das mit Gras bewachsene Dach des Hauses – welches als ein naturverbundenes Gestaltungselement auch bei Hundertwasser zu finden ist – vermittelt eine Begeisterung zur organischen Bauweise, die im Einklang mit dieser Parklandschaft steht – wir riechen regelrecht die Natur, die sich hinter dieser künstlerischen Ausdrucksweise von Otmar Alt verbirgt. Dabei interessiert nicht, die Natur und die Umgebung so dargestellt zu sehen, wie sie wirklich ist. „Eine Kunst die schön ist wie die Natur, erleichtert uns den Weg zur Natur.“ Hier ist das Gefühl festgehalten, wie Otmar Alt die Natur nur für einen Moment lang empfand.
„Schönes zu Erleben gibt Kraft - ich möchte die Menschen mit hinein nehmen“ – und ich war mittendrin – im Park der Phantasie.
Otmar Alt gibt auch hierzu seine eigene künstlerische Bildersprache.
„Dabei macht es mir Spaß, Bildelemente zusammenzufassen, Brücken zu schaffen, motivische Bezüge aufzuzeigen oder räumliche Effekte zu erzeugen, damit daraus etwas Neues wächst. Diesen Prozess nenne ich Reibung und Schöpfung.“
Er weckt die Neugierde in mir als Betrachter, meine verborgenen Phantasien werden geöffnet von seiner Ausdruckskraft – man fühlt sich hingezogen und möchte den nächsten Schritt mit ihm sofort weitergehen.
Beim Durchwandern des Bildes von der unteren Hälfte aus, nimmt man tektonisch und geradlinig aufgebaute Formen wahr – hochgewachsene Baumstämme, ein eckiges Blau – welches ein Stein, ein großer Blumentopf oder auch eine Gartenmauer darstellen könnte. Neben einem spitzen Dreieck in Gelb spielen tragende, der Vertikalen verwandte, und lastende, der Horizontalen verwandte Formen in diesem Abschnitt des Bildes eine wichtige Rolle sowie Kombinationen aus diesen beiden Prinzipien. Häufig sind diese Formen geometrisch bzw. geometrisiert.
Einen Kontrast entdecken wir in der oberen Hälfte des Bildes: organische, runde und geschwungene Formen, farbige Blumen und Früchte im Baum. Behutsam gehen wir einen Schritt weiter und entdecken einen ironischen Charakter des „hinter dem Baum hervorschauenden Hauses“. Mit einem fensterartigen blinzelnden Auge, einer rechteckigen roten Tür, die man auch als Nase deuten könnte, und einer grünen Mütze schaut das tektonische Gesicht auf den halbschneebedeckten Baum. Ein Baum mit einem rosaroten Stamm, dessen Wurzel aus dem Blau erwächst und die Blüten als Frucht in der Krone des Baumes trägt.
Hierbei entscheidet über die Blüte und auch Lebenskraft des Baumes – so auch beispielsweise über die Schönheit dieses Bildes oder einer Idee, die man verwirklichen will – einzig und alleine die „Wurzel“, das heißt durch die Wurzel kann sich der besondere Charakter und dessen Phantasie entwickeln. So kann jeder Einzelne seine Kraft und Energie verdoppeln oder in bestimmten Situationen sogar noch mehr daraus machen – das ändert aber nichts an seiner „Wurzel“, also an seinem persönlichen Charakter.
In diesem Moment fällt mir ein Gedanke ein, der – so glaube ich – von Albert Einstein stammt: „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grund-gefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern kann, der ist tot und seine Augen sind erloschen.“
Man hat in der Vergangenheit die Bedeutung der Kunst von Otmar Alt zu ergründen versucht. Sie berührten für mich immer die eine Ebene, die der Kunst. Es ist richtig, dass die Bilder von Otmar Alt einen besonderen Stellenwert in der Kunst einnehmen, aber ich suchte das Geheimnisvolle, ich suchte nach dem inneren künstlerischen Impuls, der Kraft, der Leidenschaft und dem Charakter, nach den Voraussetzungen – die beispiels-weise auch für die Formulierung einer schönen mathematischen Aussage wichtig sind – ich suchte nach der inneren „Wurzel der Phantasie“.
Otmar Alt hat einmal zu mir gesagt:
„Phantasie ist eine Gabe, unsichtbare Dinge zu sehen. – Meine Werke sollten nur noch Menschen besitzen, die sie auch wirklich lieben und verstehen.“
Ich sehe in seinen mir sichtbaren künstlerischen und charakterlichen Zügen und besonders in den beiden Arbeiten der „Innenansichten der Moderne“ eine eigene innere Führung und Kraft – ein besonderer unvergleichlich positiv-ausstrahlender Charakter wird für mich sichtbar. Der Künstler Otmar Alt erweckt in seinem Bild „Baum der Früchte“ oder in der „Gelbhaubenmaus“ eine „innere Kraft“, die sichtbare Phantasien von „Innen“ antreibt. Alles was von außen kommt – wie Erziehung, Bildung, Kultur etc. „(ver-)formt“ einen Menschen. Aber jeder hat eine innere Kraft, durch die er sich selber formt und erzieht.
Was für mich nun sichtbar wird:
Handeln kommt von Innen, und das Innere entwickelt Phantasien, die sich ungestört entfalten – die äußeren Reize muss man dabei erdulden und verarbeiten.
An den Arbeiten der „Innenansichten der Moderne“ ist das Begreifen und Umsetzen mit Leidenschaft und Liebe in eine Aufgabe und in die eigene Arbeit in unvergleichbarer Art und Weise sehr gut erkennbar. „Die eigene Arbeit ist für einen Künstler wie Dich, Otmar, aber auch für mich als Hochschullehrer, eine besondere Aufgabe mit einer charakterlichen Eigenschaft. Positiv denkende, lebensbejahende und glückliche Menschen, wie Du, Deine Freunde und die jungen Menschen in der Ausbildung und in meinen Seminaren und Vorlesungen, die in ihrer Arbeit, in ihrem Studium oder gar in einem Kunstwerk oder Bühnenstück – die hinter der Arbeit steckende Leidenschaft, die kreative Kraft und Phantasie der Person erkennen, sind motiviert und begeistert. Erfolg kann nur ein kreativer Mensch haben, der jedoch arbeitsam und bescheiden die Welt mit seiner Begabung gestaltet. Ich denke, dass gerade diese Eigenschaft den persönlichen Charakter eines Menschen widerspiegelt.“ Die Zweige geben immer Kunde von der Wurzel – ein menschlicher Zweig mit kreativem und leidenschaftlichem Charakter zeigt seine besondere „Wurzel“.
In der Kunst von Otmar Alt – die mir seinen inneren Charakter an der Wurzel sichtbar macht – muss man sich wohl fühlen.
Ich fühle mich bei dem, was ich sehe, innerlich sehr wohl – und noch vieles was ich sehe bleibt mein Geheimnis.

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